Das Phänomen Last Night of the Proms oder der Zwang zum Eventcharakter

Vergangenen Samstag hatte ich das Glück, in Dortmund beim Public Viewing von WDR 3 zu Last Night of the Proms dabei sein zu dürfen. Im DASA-Museum in Dortmund waren insgesamt etwa 700 Leute gekommen, um zunächst live dem WDR Funkhausorchester zu lauschen und anschließend die Übertragung der Proms aus London zu verfolgen. Damit waren wir natürlich sehr wenige Zuschauerinnen und Zuschauer verglichen mit den Public-Viewing-Massen überall in England.

Die Veranstaltung war wunderschön, das Konzert grandios und die Stimmung wie immer eine einzige Party. Das hat mich sehr begeistert, weil es zeigt, dass die sogenannte „Hochkultur“ durchaus massenkompatibel sein kann. Es funktioniert also doch mit der Kulturvermittlung.

Aber stimmt das wirklich? Kann man von einem Mega-Event wie der Last Night of the Proms auf Klassikbegeisterung bei den Massen schließen? Oder ist das ein Einzelphänomen?

Mein Eindruck ist – und das bestätigen mir viele Menschen auf Seiten der Kultureinrichtungen –, dass Kultur ein Massen-Publikum in erster Linie dann anzieht, wenn sie zu einem Event wird. Die Kulturhauptstadt-Partys, die großen Festivals, die Mega-Sonderaustellungen, die Konzerte mit großen Namen – alle diese „Events“ sind regelmäßig überlaufen, egal was der Eintritt kostet und wie lange man Schlange stehen muss. Aber die kleinen Veranstaltungen, die Daueraustellungen, die „üblichen“ Theateraufführungen kämpfen nach wie vor um ihr Publikum.

Wie geht man als Kultureinrichtung damit um? Leben wir in einer „Eventgesellschaft“ und müssen uns diesem Trend anpassen? Muss jede kleine freie Kunst- oder Kultureinrichtung jetzt bemüht sein, ihr Angebot als Event zu präsentieren? Helfen TweetUps, InstaSwaps und ähnliches dabei, dass jede Miniaustellung ein Event wird? Oder sollte man sich abgrenzen, ausharren, ruhig bleiben und dem „Eventwahn“ etwas ganz anderes entgegenstellen?

Bei unserem stARTcamp haben wir das Motto „Netzrausch“ gewählt. Darin verbirgt sich das Wort „Rausch“, was ja stark in Richtung Event, Emotion und Party geht. Das Netz „eventisiert“ und „emotionalisiert“ Kultur durch die Verbindung mit seinem Publikum und dessen Erleben. Das Netz spült die Begeisterung hoch, die Kultur bei seinen Nutzerinnen und Nutzern hervorruft. Im Netz und in der Vernetzung wird das Erleben Einzelner verknüpft zu einem gemeinsamen Event. Kulturerlebnisse erhalten dadurch eine stärkere Bedeutung.

Aber Rausch erinnert auch an „Rauschen“. Das Netz ist ein ewiges Rauschen und ein ständiges Lärmen. Jedes Einzelphänomen, jeder stille und besinnliche Moment geht im „Geplärre“ der Netzgemeinschaft unter. Kultur kann sich hier nur Gehör verschaffen, wenn sie laut ist. Aber wie ist das bei einem guten Musikstück: Es hat laute UND leise Stellen. Und nur, wenn man auch der Stille zuhört, entfaltet es seine Wirkung und Tiefe. Das Netz macht die Stille kaputt.

Aber was ist denn nun relevant? Das Netz als Rausch oder das Netz als Rauschen?

Ich denke, mal das eine und mal das andere. Und es ist eine Aufgabe von Kultureinrichtungen, jedes Mal die richtige Wahl zu treffen zwischen Rauschen und Stille, zwischen Event und Zurückhaltung. Wichtig ist: Man kommt nicht darum herum, dem Publikum auch etwas von dem anzubieten, nach dem es sucht. Sonst bleibt es fern.

Wir würden uns sehr freuen, wenn diese Gedanken auf dem stARTcamp weiter diskutiert werden können. Sicher gibt es auch spannende andere Sichtweisen auf das Thema „Eventkultur“.

Foto: CC-BY-SA MykReeve